Die Gemeinde Seefeld plant eine Erweiterung des Gewerbegebiets am Jahnweg – mitten in einen ökologisch sensiblen Bereich am Rand des Landschaftsschutzgebiets und in unmittelbarer Nähe zu einem europäischen FFH-Schutzgebiet. Die betroffene Fläche, eine derzeit als Pferdekoppel genutzte Wiese im Aubachtal, erfüllt zahlreiche Funktionen, die für Umwelt, Klima und Lebensqualität in unserer Gemeinde von großer Bedeutung sind.
Artenschutz: Lebensraum auf der Kippe
Die geplante Fläche grenzt direkt an ein FFH-Gebiet – also an ein europaweit geschütztes Biotop. Sie bildet einen wichtigen Puffer zwischen Siedlungsgebiet und Naturraum und ist Lebensraum für zahlreiche geschützte Tier- und Pflanzenarten. Welche konkreten Arten betroffen wären, wird ein noch ausstehendes Artenschutzgutachten zeigen. Doch bereits 2019 stufte der BUND Naturschutz die Bebauung „naturschutzfachlich als kritisch“ ein.
Ein Bauvorhaben in einem so sensiblen Umfeld widerspricht dem Prinzip der Vorsorge: Ein einmal zerstörter Lebensraum lässt sich nicht einfach wiederherstellen. Auch aus rechtlicher Sicht drohen hier komplexe Konflikte mit geltenden Naturschutzvorgaben.
Die geplante Erweiterungsfläche des Gewerbegebiets (gelb) liegt zu einem kleinen Teil innerhalb des Landschaftsschutzgebiets (grün punktiert) und unmittelbar angrenzend an ein Flora-Fauna-Habitat (FFH). Die festgesetzte Ausgleichsfläche (grün schraffiert) wurde zu einem großen Teil nie hergestellt und müsste an anderer Stelle hergestellt werden – nebst zusätzlichem Ausgleich für die neu versiegelte Fläche.
Klimaschutz: Moorböden sind keine Bauplätze
Die Fläche weist eine besondere Bodenbeschaffenheit auf: Sie liegt im Talgrund und besteht aus moorigen, humusreichen Böden – also natürlichen CO₂-Speichern. Wird dieser Boden versiegelt oder abgetragen, werden große Mengen gebundenen Kohlendioxids freigesetzt. Das widerspricht klar den Zielen des Klimaschutzes, denen sich auch die Gemeinde Seefeld verpflichtet hat. Im Leitlinienkonzept 2023, das der Gemeinderat einstimmig beschlossen hat, heißt es wörtlich:
Für den Klimaschutz wie auch die Klimaanpassung ist der Schutz von Mooren und Humusböden als CO₂-Speicher und natürliche Wasserretentionsfläche entscheidend. Feucht-, Moor- und Überschwemmungsflächen sind zu erhalten, zu renaturieren und aufzuwerten.
Die geplante Gewerbegebietserweiterung stellt genau das Gegenteil dar: eine Zerstörung von Moorboden mit irreversibler Freisetzung des im Moor gespeicherten Kohlendioxids.
Laut Bodenübersichtskarte sind im betroffenen Areal vorherrschend Niedermoore aus Torf über (tiefen) carbonathaltigen, schluffigen Mudde- oder Beckenablagerungen oder kiesig-schluffigen Moränenablagerungen (grün hinterlegt) anzutreffen:
Hoher Grundwasserstand = hohe Kosten
Auch wirtschaftlich ist das Projekt fragwürdig. Der hohe Grundwasserstand in diesem Gebiet erfordert teure bauliche Maßnahmen, insbesondere für Regenwasserrückhalt und Gründung. Diese Aufwände gehen entweder zulasten der Investoren – oder der Gemeinde. Hinzu kommt, dass laut FFH-Managementplan „Herrschinger Moos und Aubachtal“ (7933-372)“ (S. 52) eine Anhebung der Pegelstände des nahegelegenen Aubachs um einige Dezimeter notwendig ist. Wie sich eine solche Wasserstandsanhebung mit der aktuellen Planung in Einklang bringen lässt, ist zumindest fraglich. Ferner führt der ungünstige, zerklüftete Flächenzuschnitt zu einer schlechten Ausnutzung für tatsächlich bebaubare Grundstücke und einem überproportional hohen Anteil an Verkehrsflächen und damit einer Versiegelung durch Straßen, die wiederum teure Regenwasserrückhaltesysteme erfordern.
Kein gutes Geld dem schlechten hinterherwerfen
Oft wird argumentiert, die Gemeinde müsse die Investitionen für den einst teuren Grundstückskauf nun durch Gewerbeansiedlung „wiedergutmachen“. Doch aus dem Fehlkauf darf kein Freibrief für weitere Fehlentscheidungen werden. Wie die Bürgerinitiative Eichenallee bereits 2019 gezeigt hat, war der damalige Erwerb alles andere als ein gutes Geschäft. Auch die erhofften Gewerbesteuereinnahmen sind kein überzeugendes Argument – denn es gibt mit der Fläche am Oberfeld eine geeignete Alternative: Sie ist besser zugeschnitten, liegt nicht in einem sensiblen Naturraum, stellt wasserrechtlich weniger Probleme dar und könnte für steuerkräftigere Unternehmen attraktiv sein. Man hätte hier längst Nägel mit Köpfen machen können. Stattdessen ist dort nun eine gemischte Wohn- und Gewerbenutzung geplant – wenig attraktiv für größere Betriebe.
Widerspruch zu den eigenen Leitlinien
Die geplante Bebauung widerspricht gleich mehrfach dem Leitlinienkonzept der Gemeinde Seefeld (einige Passagen sind der Erläuterung im zweiten Teil des Dokuments entnommen):
Leitlinie 8 – Aubachtal:
Das Aubachtal als regionaler Grünzug ist in seiner Funktionsfähigkeit zu erhalten.
Die Bewahrung des Landschaftsbildes und der Natur- und Artenschutz gebieten einen sorgsamen Umgang mit dem besonders sensiblen Freiraum beiderseits des Aubaches und dessen Umgebung.
Leitlinie 9 [Naturhaushalt, Naturschutz]
a) Bodenschutz: Der Boden ist vor Versiegelung, Verdichtung, Erosion, Auswaschung und Kontamination zu schützen.
b) Artenschutz: Angestrebt wird eine ökologische Aufwertung von Flächen im Innen- und Außenbereich.
c) Wasserschutz: Die Gewässer und das Grundwasser sind mit besonderer Sorgfalt zu schützen, zu pflegen und zu erhalten.
Schutz vor Versiegelung, Förderung des Artenschutzes und Erhalt des Grundwassers – alles Punkte, die durch das Vorhaben verletzt würden.
Leitlinie 10 [Klimaschutz]
Die Gemeinde übernimmt die Zielsetzung des Landkreises für Klimaneutralität bis 2035. Energieeinsparung und -versorgung, Mobilität und Bodenschutz sind darauf auszurichten.
Das Ziel der Klimaneutralität bis 2035 ist realistisch nur erreichbar, wenn CO₂-Speicher wie Moore unangetastet bleiben (siehe oben).
Stoppen wir die Fehlplanung!
Auch wenn ich bei der Gemeinderatssitzung am 3. Juni 2025 nicht anwesend sein konnte, stehe ich mit voller Überzeugung gegen diese Planung. Das Aubachtal ist ein Naturraum, den wir nicht leichtfertig aufgeben dürfen – weder aus finanziellen noch aus politischen Gründen. Jetzt ist es an uns allen, mit klarem Blick und Rückgrat für die Zukunft unserer Gemeinde einzustehen. Das Aubachtal braucht unseren Schutz – nicht neue Straßen und Gewerbehallen.
Ortwin Gentz
