Wenn ein Schriftsteller und Kleinkünstler wie Marc-Uwe Kling die Hamburger Bühne des Chaos-Computer-Kongresses besteigt, ist zunächst Stirnrunzeln angesagt. Was hat der Autor der beliebten Känguru-Chroniken unter all den Computer-Nerds zu suchen? Neben Neuigkeiten vom Känguru und Geschichten von Elon und Jeff auf dem Mars ruft Kling auf dem Kongress zum ersten Digital Independence Day auf.
Ab dem heutigen Sonntag soll jeder 1. Sonntag im Monat als Digital Independence Day ein Anlass sein, sich vom Würgegriff der amerikanischen Big Tech Konzerne zu lösen. Ein breites Bündnis aus verschiedenen Vereinen und Organisationen macht dabei auf das Problem der Abhängigkeit von US-Plattformen aufmerksam und bietet Wechselrezepte zu europäischen und dezentralen Lösungen sowie Veranstaltungen in vielen deutschen Städten an.
Ob von WhatsApp zu Signal, von X zu Mastodon, von Gmail zu unabhängigen E-Mail-Anbietern oder von Amazon zum lokalen Buchladen: DI.Day bietet Wechselrezepte für den Abschied von Big Tech.
Dazu können wir auch alle Menschen in Seefeld nur ermutigen! Wir von der Bürgerinitiative Eichenallee sind uns des Problems bereits seit einiger Zeit bewusst und haben uns daher von Gmail und X verabschiedet. Stattdessen sind wir auf dem dezentralen sozialen Netzwerk Mastodon. Zur internen Kommunikation nutzen wir Signal statt WhatsApp.
Warum ist das wichtig? Einige wenige überreiche Menschen wie Elon Musk, Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg kontrollieren durch ihre Monopolstellung unsere digitale Kommunikation und Information. Dies gefährdet unsere Freiheit. Und wir begeben uns in eine fatale Abhängigkeit. Das Beispiel der Sperrung sämtlicher Outlook-E-Mail-Konten des Chefanklägers des internationalen Strafgerichtshofs auf Anordnung der US-Regierung zeigt, dass US-Großkonzerne wie Microsoft zum Spielball präsidieller Allmachtsfantasien werden können.
Doch was bedeutet das für die kommunale Verwaltung in Seefeld? Wie vermutlich die meisten Behörden in Deutschland setzt auch Seefeld überwiegend auf Produkte von Microsoft.
Der Freistaat Bayern plant sogar einen zentralen Microsoft-365-Arbeitsplatz für die gesamte Verwaltung – per Rahmenvertrag ohne Ausschreibung und für Hunderte Millionen Euro. Dabei zeigen Länder wie Schleswig-Holstein, dass es auch anders geht. Dort gibt es eine langfristig angelegte Exitstrategie, um sich aus der Umklammerung von Microsoft zu lösen. Zentrales Element ist die Entwicklung eines verwaltungsfähigen Linux Desktops samt Infrastruktur und LibreOffice als Standard Office-Suite.
Für eine kleine Kommune wie Seefeld ist es leider sehr schwer, selbst solche Veränderungen anzustoßen. Manche Fachanwendungen für die kommunale Verwaltung sind für die Druckausgabe zum Beispiel im Hintergrund auf Microsoft Word angewiesen. Umso wichtiger ist es, bei der IT-Strategie der Kommune einen klaren Kompass zu behalten:
- Ehrliche Risikobewertung, welche Vorkehrungen gegen geopolitische Eingriffe, Sanktionen oder politisch motivierte Account-Sperrungen existieren
- Prüfung europäischer Alternativen, besonders bei Cloud-Dienstleistungen
- Umstieg auf lizenzfreie Open Source-Lösungen wo immer möglich
Neben der digitalen Souveränität und einer Risikominimierung könnte die Kommune auf diese Art und Weise auch erheblich Geld sparen. Denn die Lizenzkosten speziell für Microsoft fressen einen großen Anteil des IT-Budgets.
Wenigstens einen kleinen Anfang konnten wir im Rahmen der Arbeit des Rechnungsprüfungsausschusses machen: nach dem neuen Microsoft-Lizenzierungsmodell wären Benutzerlizenzen für jedes Mitglied des Ausschusses erforderlich gewesen, obwohl dieser nur viermal im Jahr tagt. Stattdessen haben wir uns darauf verständigt, künftig mit LibreOffice zu arbeiten, was Dokumente und Auswertungen angeht. So können der Kommune immerhin einige hundert Euro Lizenzkosten im Jahr erspart werden.
Ortwin Gentz
